Was die brennende Uni löschen wird
Am 22. Oktober wurde von Studierenden unter der Parole “Die Uni brennt” vollkommen überraschend das Audimax der Uni Wien besetzt um gegen die aktuelle Bildungspolitik zu protestieren. Dieser Protest war in keiner Weise organisiert sondern bildetet sich spontan, ausgelöst durch die Unterzeichnung der Leistungsvereinbarung durch das Rektorat der Akademie der Bildenden Künste.
Nun haben Hörsaalbesetzungen als eine Form des politische Aktivismus an den Universitäten eine gewisse Tradition. Was diese Protestbewegung allerdings bemerkenswert macht ist ihre bis jetzt nachhaltig dezentrale Organisation unter Zuhilfenahme von Social Media wie Twitter oder Facebook (nachzulesen etwa bei Jana Herwig, Phillip Sonderegger oder Luca Hammer). Insbesondere der Video Live Stream aus dem Audimax ist mit regelmäßig 2000-3000 Zusehern zu einem der tragenden Elemente dieser Bewegung geworden. Protest wurde zum Protest 2.0.
Vor einigen Tagen stellte Jürgen Koprax die Frage “Warum brennt die Uni eigentlich so gut”. Die Antwort hat meiner Meinung nach mit der Effizienz von Netzwerken zu tun. James Surowiecky hat diese Effizienz in seinem Buch “The Wisdom of Crowds” sehr gut dargelegt. Ausgehend von einfachen Beispielen kommt Surowiecky zum Schluss, dass dezentral organisierte Gruppen unter gewissen Voraussetzungen mit höherer Wahrscheinlichkeit bessere Entscheidungen treffen können als es hierarchische Systeme oder einzelne Individuen in der Lage sind.
Eine der zentralen Voraussetzungen für den Erfolg dieser “Crowd-Intelligenz” ist dabei die Diversität der Gruppe bzw. des Netzwerks. In gewisser Weise benötigt es eine relativ lose Verbindungsstruktur von Personen, die zwar eine informierte Meinung bilden können, selbst aber keine ExpertInnen sein müssen. Dies ist genau der Punkt bei dem Soziale Medien ansetzen. Ihre Eigenschaft lose Bindungen in sozialen Netzwerken zu unterstützen erscheint hier also als einer der Erfolgsfaktoren für Bewegung der brennenden Uni.
Leider ist dies ist auch gleichzeitig der Punkt, an dem die Bewegung meiner Meinung nach schlussendlich scheitern wird.
Diversität bedeutet hier nämlich auch weitgehende Freiheit von ideologischen Grundsätzen. Der von Pierre Levy für dieses Phänomen popularisierte Begriff der “Kollektiven Intelligenz” bezieht sich nicht auf das Kollektiv im egalitären Sinn, sondern unterstreicht eigentlich den Reichtum der Unterschiedlichkeit. Je gleicher die Individuen in einem sozialen Netzwerk werden, desto ärmer wird das Netzwerk und desto geringer die Wahrscheinlichkeit, gute Entscheidungen treffen zu können.
Der Raum der brennenden Uni teilt sich somit in zwei Bereiche. Einen Innenraum der Audimax-Besetzung, getrieben durch egalitäre Ideologien und die damit verbundene Rhetorik. Und einen durch soziale Medien bereitgestellten elitären Außenraum, der in gewisser Weise den individualisierenden Gegenpol bereitstellt. Es ist diese Bipolarität, die meiner Meinung nach eine der faszinierendsten Eigenschaften dieser Bewegung darstellt. Sie erlaubt es, eine bis jetzt noch nie dagewesene Vielfalt an ideologischen Zugängen in die Diskussion mit einzubringen.
Dies kann aber nachhaltig nur funktionieren, wenn die dezentrale Ausrichtung dieser Protestbewegung auf allen Ebenen unangetastet bleibt. Ebenso wie innerhalb des Audimax keine Person den Führungsanspruch stellt, darf auch das Audimax selbst nicht den Führungsanspruch über die Bewegung stellen. Wenn es dies doch macht (etwa durch Abschaltung des Live Streams), führt die lose Struktur des elitären Außenraums zu seiner mehr oder weniger schnellen Auflösung.
Dies würde dann nicht nur die Bewegung nicht nur ideologisch einschränken und damit ihre Breitenwirkung schädigen, es würde letztendlich auch die Qualität der Entscheidungsfindung beeinflussen, da keine ausreichende Diversität mehr gegeben wäre. Peter Purgathofer hat es in seiner Rede zu den Besetzern an der TU Wien treffend auf den Punkt gebracht: “Ihr habt uns ein klein wenig die Tür geöffnet und wir können jetzt erstmals beobachten, wie Partizipation in Zukunft aussehen könnte.” Die Tür ist nur ein klein wenig geöffnet - wie man sie ganz öffnet wissen wir noch nicht.
Wenn man die momentanen Diskussionen im Audimax der Uni Wien verfolgt muss man leider erkennen, dass die Bewegung sich selbst aufgrund fehlender Erfahrungen gar nicht verstehen kann. Es ist daher zu erwarten, dass ein Rückfall in bekannte Muster bzw. die fortschreitende Ideologisierung des Innenraums und die damit verbundene Aussperrung des Außenraums schlussendlich die Bewegung ebenso spontan zur Auflösung bringen wird wie sie entstanden ist. Übrig bleiben wird eine Hörsaalbesetzung in der Tradition des vergangenen Jahrhunderts ohne Relevanz für die Gegenwart.

